Pinasse “Troll” der Marine Kamerad-
schaft Heilbronn
von Kamerad Siegfried
Himpel

Überführung der Pinasse von Kiel nach
Heilbronn
von Kamerad Joachim Flinspach

Geschichtlicher Werdegang der Pinasse
von Constanze Hammann

Pinasse “Troll” der Marine Kamerad-
schaft Heilbronn

Eigentlich war sie ja das Salzwasser ge-
wohnt, die Pinasse “Troll” der Marine Kame-
radschaft Heilbronn. In den vielen Jahren
seit 1992 hat sie sich aber an den Neckar
gewöhnt und auch das Sußwasser lieben
gelernt.

Die Motor-Pinasse wurde 1962 auf der
Schweers-Bootswerft in Bardenfleeth/We-
ser als Beiboot für Schiffe der Bundesma-
rine gebaut.

Das Boot ist ein Holzschiff mit den Abmes-
sungen: Länge über alles 9,64 m; Breite
2,60 m und einem Tiefgang von 0,90 m. Als
Antrieb dient ein Dieselmotor mit 70 PS der
Firma Daimler Benz Typ OM 312. Die Kraft
wird über eine feste Welle auf die Schiffs-
schraube übertragen.

Bei der Bundesmarine war sie von 1964 bis
1991 als Beiboot des Tenders A55 “Lahn”
im Einsatz.

Marine Kameradschaft Heilbronn - Tender A55 Lahn / Pinasse Troll

Tender A55 “Lahn”, an Backbord achtern die Pin-
asse, heutiger “Troll”, damals als Verkehrsboot im
Einsatz (Quelle: Bundeswehr; Archiv/Presse- und In
formationszentrum Marine) -
Zoom.

Der Tender A55 “Lahn” diente als schwim-
mende Basis für das 1. Ubootgeschwader
mit Heimathafen Kiel. Er versorgte die sich
im Einsatz befindlichen Uboote mit Ge-
brauchsgütern und hatte auch Werkstätten
sowie Instandhaltungspersonal an Bord und
stellte eine Krankenstation mit OP zur Ver-
fügung.

Der Tender A55 “Lahn” war während seiner
Dienstzeit an 2.300 Tagen auf See und hat
dabei 285.000 Seemeilen zurückgelegt -
und unsere Pinasse “Troll” war überall da-
bei!

Marine Kameradschaft Heilbronn - Tender A55 Lahn / Pinasse Troll

Tender A55 “Lahn” (Quelle: Bundeswehr; Archiv/
Presse- und Informationszentrum Marine).

Text: Kamerad Siegfried Himpel

Überführung der Pinasse von Kiel nach
Heilbronn

Wie aus einem Beiboot von Tender A55
“Lahn” die Pinasse “Troll” wurde

Schon lange war es ein Wunsch der Marine
Kameradschaft Heilbronn wieder ein Boot zu
besitzen. Als sich 1991 die Gelegenheit bot,
sich beim DMB um ein solches zu bewerben,
wurde sofort die Gunst der Stunde ergriffen
und der Antrag zur Übernahme eines Kut-
ters auf den Weg gebracht. Als schon nie-
mand mehr daran glaubte, erhielten wir die
Nachricht vom DMB “unseren” Kutter im
Marinedepot “Stützpunkt Kiel” abzuholen.

Große Freude, aber auch ein riesiges logis-
tisches Problem das “Ding” von Kiel an den
Neckar nach Heilbronn zu holen, tat sich
auf. Wie? Auf dem Wasser etwa? Wie viel
Mann werden benötigt und vor allem wel-
chen Weg und wie lange braucht man dazu.
Fragen über Fragen - aber auf dem Was-
serweg stellte sich dies als nicht durchführ-
bar heraus.

In Eigenregie und unterstützt durch einen
befreundeten Spediteur aus Nordheim wur-
de die Überführung von Kiel nach Heilbronn
realisiert. Geklärt musste noch werden wo
und wie wir das Boot zu Wasser lassen
können. Hilfe kam von der Wasserschutz-
polizei und der Berufsfeuerwehr Heilbronn.
Die Wasserschutzpolizei erklärte sich bereit
das Boot vom Schwergutkai im Osthafen
zur Marine Kameradschaft zu schleppen und
holte für uns auch die notwendigen Geneh-
migungen zur Benutzung des Schwergutkais
beim Hafenamt ein. Unterstützt von Kame-
rad und Feuerwehrmann Sven Flinspach
und der Feuerwehr Heilbronn wurde die Um-
setzung mittels eines neuen Autokrans
durchgeführt.

Donnerstag abends machten Kamerad Vik-
tor Erdstein und ich uns auf den Weg nach
Kiel. Jeder übernahm die halbe Fahrstrecke
und wir trafen am Freitag morgen in Kiel
beim Arsenal ein. Dort wurden wir bereits
von unseren Kameraden Wolfgang Fischer
und Hannes Wohlfromm erwartet. Neugierig
was uns erwartete machten wir uns auf zur
letzten Etappe um endlich unseren Kutter
abzuholen.

Während Kamerad Viktor Erdstein die Form-
alitäten erledigte stand ich erwartungsvoll
beim Sattelzug. Ein vorbeigehender Mitar-
beiter fragte mich, wie wir mit dem “Ding”
das Boot transportieren wollen und ließ
mich verdutzt stehen. Kamerad Viktor Erd-
stein kam mit einem Mitarbeiter zurück und
los ging es um einige Ecken und dann hatte
ich die Frage begriffen.

Nicht ein Kutter lag da, sondern die Pinasse
vom Tender A55 “Lahn”. Viel zu hoch und
nicht so wie gedacht zu transportieren.
Lange Gesichter - wir standen nun ratlos
herum. Der Kranführer meinte, die einzige
Möglichkeit wäre den Fahrstand abzutren-
nen und umgekehrt in die Pinasse zu legen.
Problem war nur, dass alle Leitungen abge-
trennt werden mussten. Kamerad Hannes
Wohlfromm sah sich dies an und entschied
das zu machen. Die Leitungen wieder zu-
sammenführen wäre kein Problem und unser
“Holzwurm” Kamerad Hans-Peter Wörner
würde die nötigen Holzarbeiten schon wie-
der in Griff bekommen. Also - gesagt getan.
Durchtrennen, verladen, Dach gedreht ins
Boot und das ganze gut verzurrt. Vor der
Rückfahrt ging es in Kiel noch in den Rats-
keller zu einem zünftigen Fischessen.

Marine Kameradschaft Heilbronn - Pinasse Troll

Kamerad Joachim Flinspach beim Verladen der
Pinasse in Kiel, 1992.

Marine Kameradschaft Heilbronn - Pinasse Troll

Die Heimfahrt verlief ohne Probleme und
nach Mitternacht trafen wir in Heilbronn
ein. Da der Schwergutkai erst später ge-
öffnet wird entschlossen wir uns auf der
Theresienwiese zu parken. Als wir dann am
darauffolgenden Tag gegen neun Uhr wie-
der losfahren wollten - großes Erstaunen.
Unser Boot samt LKW war nämlich einge-
baut, da an diesem Samstag Flohmarkt
war. Aber auch ein großes Glück für uns
war, dass ein Standbetreiber, den wir
kannten, sofort alles wegräumte und wir
uns auf den Weg zum Osthafen zum
Schwergutkai machen konnten.

Die Feuerwehr und Wasserschutzpolizei er-
warteten uns bereits und los ging es. Vor-
sichtig wurde das Dach aus dem Boot ent-
fernt, gedreht und wieder vorsichtig auf die
Pinasse gesetzt. Danach wurde das Boot zu
Wasser gelassen und es wäre uns fast “ab-
gesoffen”, da ein Seeventil klemmte. Aber
alles verlief noch mal glimpflich. Die Was-
serschutzpolizei nahm die Pinasse längs-
seits und brachte sie durch die Schleuse an
ihren endgültigen Liegeplatz an der Steg-
anlage beim Bootshaus der Marine Kame-
radschaft Heilbronn.

Unheimlich viel Arbeit wartete nun auf all
die vielen Helfer, die in unendlich vielen
Stunden und persönlichem Einsatz, aus dem
heruntergekommenen Beiboot unsere Pinas-
se “Troll” zu einem Schmuckstück machten.

Marine Kameradschaft Heilbronn - Pinasse Troll

Von links nach rechts die Kameraden Georg
Schröter, Viktor Erdsein, Hannes Wohlfromm, Man-
fred Benne und Wolfgang Fischer beim Kranen der
Pinasse in Heilbronn, 1992.

Text: Kamerad Joachim Flinspach

Geschichtlicher Werdegang der Pinasse

Die Pinasse “Troll” war ehemals eines von
vier Beibooten (zwei Pinassen und zwei
Kutter) des Uboot-Tenders A55 “Lahn”, der
dem 1. Ubootgeschwader mit Heimathafen
Kiel unterstand. Sie wurde als Verkehrsboot
zum Übersetzen und Anlanden eingesetzt.
Am Tender selbst war sie auf der Backbord-
seite befestigt und konnte mit Hilfe eines
Schwenkdavits ausgebracht und zu Wasser
gelassen werden. Im Gegensatz zu der auf
der hoheitlichen Steuerbordseite ange-
brachten Pinasse hat unser “Troll” keine
Achterkajüte. Die Pinasse ist ein Vollholz-
boot, der Rumpf besteht aus zwei Lagen
Mahagoni-Planken auf 36 Eichenspanten.
Sie wurde in Kraweel- oder auch Karweel-
bauweise genannt gefertigt, d.h. die Plan-
ken liegen Kante an Kante bündig aneinan-
der und nicht übereinandernlappend (Klin-
kerbau). Hierauf liegt eine Lage Schiffslein-
wand. Dann folgt versetzt eine zweite Lage
Planken. Die Aufbauten der Pinasse beste-
hen aus Teak und Mahagoni. Auf 9,64 m
Länge und 2,60 m Breite finden ca. 20 bis
25 Personen bequem Platz.

Stapellauf des Tenders A55 “Lahn” war am
21. November 1961, die Indienststellung er-
folgte am 24. März 1964. Die Pinasse selbst
wurde 1962 gebaut. Über 27 Jahre hinweg
fuhr unsere Pinasse über die sieben Welt-
meere, bevor sie am 25. April 1991 endgül-
tig außer Dienst gestellt wurde. Ein Jahr
später wurde die noch namenlose Pinasse
im April 1992 mit einem Tieflader von Kiel
nach Heilbronn in den künftigen Heimatha-
fen überführt. Hier wurde sie in einer spek-
takulären Aktion von der Feuerwehr Heil-
bronn gekrant und im Anschluss von der
Wasserschutzpolizei abgeschleppt, denn
das, was aus Kiel mit dem Tieflader ge-
bracht wurde, war nicht im Mindesten fahr-
bereit. Viele eifrige Hände äußerst enga-
gierter Mitglieder der Marine Kameradschaft
Heilbronn haben dann mit unermüdlicher
Energie innerhalb von 18 Monaten das
hässliche, flügellahme Entlein als wunder-
schönen, stolzen Schwan wieder aufleben
lassen. Die erste Ausfahrt unserer Pinasse
war am 3. Oktober 1992 und am 15. Mai
des darauffolgenden Jahres wurde unser
“Troll” vom Käthchen von Heilbronn im Bei-
sein von Oberbürgermeister Dr. Manfred
Weinmann, dem DMB-Landesleiter Hans-
Joachim Rosenberg und vieler weiterer Eh-
rengäste getauft, welch eine Ehre!

Heute sind von den einstmals 24 gebauten
Vollholz-Pinassen vom Typ 935 nur noch
wenige auf den Gewässern unterwegs. Ei-
ne, so wissen wir, als Passagierboot im
Yachthafen von Kassel, eine weitere am
Rhein sowie natürlich unser “Troll” als Ver-
kehrsboot der Marine Kameradschaft Heil-
bronn.

Technische Daten:

Bootstyp:


Material Rumpf:
Material Aufbau:
Lüa:
Büa:
Tiefgang:
HüWL:
Verdrängung:
Motorisierung:

Kraftstofftank:
Wassertank:
Baujahr:

Pinasse Typ 935 Vollholz
(später Nachbau in GFK
Typ 954)
Mahagoni / Eiche
Teak / Mahagoni
9,64 m
2,60 m
0,90 m
2,35 m
6 t
70 PS Daimler Benz Diesel
4,2 l, Typ OM 312
200 l
70 l (nicht eingebaut)
1962

Text: Kameradin Constanze Hammann

Marine Kameradschaft Heilbronn - Pinasse Troll im Trockendock

Generalüberholung der Pinasse im Tockendock,
2009.